Harakiri

10 Jul
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Schneidauftrag

Schneidauftrag

Es kommt der Tag eines jeden in China für längere Zeit lebenden, an dem man den morgentlichen Blick in den Spiegel und den darin wiedergegebenen Haarwildwuchs einfach nicht mehr ertragen kann. Man kann es noch so lange herausschieben, irgendwann hilft alles stylen, kämmen, hindrapieren nichts mehr – der Friseurbesuch steht an.

Nun gibt es durchaus Lebenssituationen, die ohne Sprache fliessend zu beherrschen – quasi panthomimisch durchaus meisterbar sind. Einkaufen im Supermarkt gehört da zu den leichteren Übungen, weil man sich ja selbst bedienen kann. Einkaufen bei Starbucks ist sowieso für Anfänger, denn hier gibt es eine Rarität in Chinas Servicesektor: englischsprechende Verkäuferinnen. Beim chinesischen Bäcker geht`s auch noch. Man deutet einfach wie ein Kleinkind auf das Croissant und zeigt gleichzeitig mit der anderen Hand durch hochhalten einzelner Finger, die gewünschte Menge. Wo keine Registrierkasse mit Preisanzeige vorhanden ist, wir der Preis oft über einen Taschenrechner mitgeteilt. Also alles kein Problem.

Beim Friseur sieht das nun etwas anders aus. Ohne dem Figaro mitzuteilen, was man eigentlich will, ist das Risiko zu gross, dass dieser die Chance nutzt, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Ok, wenn man als Backpacker unterwegs ist, nicht ganz so angebracht aber, wenn man als Angestellter Montags mit einer grünen Strähne auftaucht (wird hier nicht selten bei jungen Menschen gesehen).

Mit Sahenhaube

Mit Sahenhaube

Ich gehöre zu zweiter Gattung und möchte daher zumindest ungefähr meine Wünsche kundtun, bevor der Haarbändiger zur Schere oder dem Farbtopf greift. Nun sind wir hier im Komplex in der konfortablen Situation, sowas wie eine Concierge zu haben, die den hilflosen westlern durch das Aufschreiben von Zieladressen auf chinesisch oder das anrufen bei Restaurants um Reservierungen zu machen gerne weiterhelfen. Erster Versuch war also, über die hilfsbereite Dame einen “english speaking hair dresser” ausfindig zu machen. Ein paar Telefonate, Nachschlagen in diversen Büchern, Kollegen Fragen. Das Ergebnis: Sowas scheint es in dieser Stadt nicht zu geben. In der Plaza (das ist die Mall über die Strasse) gäbe es aber einen Friseur und sie könne mir ja aufschreiben, wie ich die Frisur gerne hätte. Gute Idee! (Die Chinesen haben mich schon oft durch ihre pragmatische Kreativität wenn es darum geht, Probleme zu lösen, positiv überrascht). Ich nehme das Hilfsangebot gerne an und bitte sie meinen extrem langweiligen Frisurenwunsch zu notieren: “Bitte an den Seiten und Hinten etwas kürzer, oben etwas ausdünnen und in Form bringen”. Sie strahlt und schreibt. Ob es auch das gesagte ist, lässt sich freilich nicht prüfen, aber ich bezweifle, dass es meinen kompletten Auftrag abdeckt, denn das ganze passt auf die Rückseite einer Visitenkarte und besteht aus etwa 10 Zeichen. Egal.

Also freundlich bedankt – sie gelacht – Karte genommen und ab damit zum Friseur. Dort noch einmal der Versuch mit Englisch, doch der verläuft schon an der Türe im Sande. Die junge Dame, die da steht wiederholt ihre Frage zum 6sten mal und ich antworte zum 6sten mal geduldig: “Sorry no chinese – english?” Offensichtlich nicht, denn sie schaut mich nur etwas verdutzt an. Nächste Versuch: Mit der einen Hand einen Büschel Haar vom Kopf anheben, mit zwei Finger anderen eine scheindende Schere symbolisieren. Das klappt und mir wird der Weg zu meinem Platz gezeigt. Wow, ein Teilerfolg. Nun wirds nochmal brenzlig: Eine andere junge Dame kommt mit einem Notizbrett und möchte offensichtlich von mir wissen, was es denn sein soll. Ich wittere jetzt meinen Joker mit der vorhin vorbereiteten Karte nutzen zu können und halte ihn der etwas irritiert schauenden Dame entgegen. Sie liest, lacht, gibt ihn mir zurück und deutet erneut auf ihren Zettel. Was will sie nur? Ich schaue blöd in den Raum und entdecke eine ähnliche Liste wie die unter meiner Nase an der Wand. Darauf zu lesen, offensichtlich die verschiedenen Servicelevel, die angeboten werden – mit englischem Untertitel. Das ist doch was. Zur Auwahl stehen: “Styling artist”, “Styling artist director” und “Styling artist director supervisor”.

Ich überlege kurz und entscheide mich für den “Styling artist director”. Das hört sich kompetent aber noch nicht zu abgehoben an wie der “Styling artist director supervisor”. Es wird genickt, notiert und ich bereite mich darauf vor, dass es jetzt los geht. Doch vorher erstmal nochmal ne Liste. Dieses Mal ohne Untertitel und nicht so lang. Was soll ich hier wählen? Die Farbe? Den Schnitt? Alle pantomimischen Darbietungen meinersteits tragen nicht zur Klärung der Sitaution bei und als ich erneut meine Visitenkarte mit dem Schneidauftrag vorhalte wird nur gelacht. Ach was solls: Ich nehme die Nr. 4. Mal sehen was passiert. Sie nickt und zieht davon um nach kurzer Zeit wiederzukommen – mit einem Becher in der Hand. Darin Grüntee. Das habe ich also gewählt. Hätte schlimmer kommen können. Ich fühle mich etwas wohler.

Und dann gehts wirklih los. Aber wie, das überrascht mich. Eine erneut andere, junge Frau kommt – in der Hand etwas was aussieht wie ein Honigspender, den man aus dem Waffle House kennt. Ohne grosse Worte (es hat sich wohl rumgesprochen, dass das bei mir sinnlos ist), kippt sie mir den Inhalt über den Kopf. Ich wundere mich, ob es hier die Kopfmassage vor dem Schneiden gibt, doch beim einmassieren zeigt sich, dass das Shampoo war, dass mir gerade in die trockenen Haare geschmiert wurde. Interessant. Es wird einmassiert und geschrubbt und geknetet und tatsächlich sehe ich irgendwann aus, wie mit einer übergrossen Sahnehaube dekoriert.

Gerade will ich mich wundern, wie das Zeug jetzt wohl wieder runter kommt, da symbolisiert die junge Dame, dass ich aufstehen und ihr folgen soll. Mach ich natürlich. Mit meinem schwarzen Kimono, der einem zu Beginn angezogen wird und der Sahnehaube auf dem Kopf folge ich ziemlich bescheuert aussehend durch den ganzen Salon (der etwa 60 Frisierplätze hat und in dem es zugeht wie bei IKEA an einem Samstagnachmittag) zur “Auswaschstation”. Das ist auch was, was der Westler so vermutlich nicht kennt. Man legt sich auf eine der 15 in Reihe nebeneinander aufgestellten Relaxliegen und legt seinen Kopf in ein Waschbecken – dann kommt die weisse Pracht ab.
Anschliessen wieder zurück auf den alten Platz – und jetzt geht es doch dann sicher gleich los. Gefehlt. Jetzt gibt es erstmal ne gut 20minütige Sitzmassage. Mit voller Hingabe werden Nacken, Schultern, Rücken und sogar Arme und Hände geknetet, geklopft, gedrückt und gezogen. Ist ja ganz angenehm, aber eigentlich sollte das hier kein tagesfüllendes Programm werden. Die junge Dame verschwindet und es wird mir eine (natürlich chinesische) Zeitschrift gebracht. Ich tue nichts dergleichen und blättere sie durch wie ein Profi, bis ich als die Bilder kommen merke, dass ich sie auf dem Kopf halte. Die Frau neben mir lacht sich halb schlapp.

Dann endlich kommt der “art stylist director”. Ein junger Mann im legeren grauen Poloshirt, der natürlich auch kein Wort Englisch spricht. Er deutet mir, zu einem erneut neuen Platz zu gehen. Aha, die haben hier also ein Lean-System. Eigentlich nicht dumm. Nachdem die Damen davor mich nur irritiert angeschaut haben, versuche ich es doch etwas verunsichert noch einmal und gebe auch ihm wieder mein Kärtchen – und er nickt. Dann gehts wirklih los und es ist wie zuhause. Mit Schere, Kamm und Rasierer macht er sich flink ans Werk, “fragt” manchmal durch Zeichensprache nach ob die Länge passt und nach 10 Minuten ist alles vorbei und die Haare sind kurz, wie gewünscht. Es folgt das übliche Spiegel vor und hinter den Kopf halten und ich nicke zufrieden und denke dass jetzt das Styling kommt. Der Schnitt ist zwar ok, aber die Frisur sieht aus, wie frisch aus dem Bett. Es kommt aber kein Styling mehr. Ich werde zum Ausgang geleitet und freundlich lächelnd verabschiedet – aussehend wie ein Streber aus der ersten Reihe, mit meinen trocken nach vorne geglätteten Haaren. Die Situation zu klären scheint mir aussichtslos und so zahle ich die 78 RMB (ca. 9 Euro) für die fast 2-stündige Schamponier-massier-frisier-behandlung, wenn auch ohne Styling.
Zurück in der Eingangshalle des Apartmentskomplexes präsentiere ich stolz das Ergebnis vor der jungen Dame, die mir den kleinen Zettel geschrieben hat und sie ist offensichtlich zufrieden, lächelt und hält den Daumen hoch, als wenn sie mir deuten will: Geht doch auch ohne reden.

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